Gibt es die Wahrheit?

“Es ist wahr! Es ist sicher! Es ist die volle Wahrheit!

Was unten ist, gleicht dem, was oben ist,

und was oben ist, gleicht dem, was unten ist,

damit die Wunder des Einen sich vollziehen”

Hermes Trismegistos, Tabula Smaragdina

 

Gibt es

eine absolute Wahrheit, eine Wahrheit, der wir vertrauen, auf die wir bauen können? Gibt es eine Wahrheit, die nicht wie ein Spielball zwischen Argument und Gegenargument hin- und hergeworfen wird? Gibt es eine Wahrheit, klar und ungetrübt, die zu einem Fundament wird, auf dem unser ganzes Leben, unser ganzes spirituelles Streben, unsere ganze Zuversicht wie ein kühner, aber absolut realistischer Turm bis in den Himmel gebaut werden kann?

Hermes Trismegistos,

einer der ganz großen Menschheitslehrer, begnügt sich nicht mit einer einfachen Antwort, nein, er bekräftigt diese so wichtige Frage sogar dreifach: „Es ist wahr, es ist sicher, es ist die volle Wahrheit!“. Er möchte damit sagen, dass es eine Wahrheit gibt, die erstens von einem suchenden Menschen persönlich, in seinem tiefsten Inneren erfahren werden kann und dass sie zweitens von einem suchenden und fragenden Mensch abgespürt und überprüft werden kann, also nicht spekulativ ist. Und drittens sagt er, dass es sich um die volle Wahrheit handelt, um die vollkommene Wahrheit, also eine absolute, für immer, für jeden und für alles gültige Wahrheit. Diese Wahrheit offenbart sich in einem gegebenen Augenblick dem Menschen, der den Weg des Suchenden und kritisch Hinterfragenden gegangen ist, der zum Findenden wurde und so wieder zum ursprünglichen Menschsein zurückgekehrt ist, kurz: der Erlösung fand.

Es gibt also

eine absolute Wahrheit, ganz einfach weil es sie geben muss! Das, was wir hier in unserem irdischen Lebensfeld vermeintlich für  Wahrheit halten, wird denn auch allzu oft mit Füßen getreten, von Interessengruppen mal hierhin, mal dorthin gezerrt. Aber von der Scheinwahrheit, vom Wahn, von der Maya der indischen Weisheit soll hier nicht die Rede sein. Hier geht es um die absolute Wahrheit. Eine Wahrheit, die es geben muss, weil sie letzten Endes nur ein anderes Wort für Ordnung und Gesetz ist. Göttliche Ordnung und kosmisches Gesetz wohlgemerkt. Kein Kind würde glauben, dass das ganze gewaltige Universum von Gesetzen regiert, geleitet werden kann, die immer wieder geändert, komplexer gemacht, dann wieder vereinfacht oder gar abgeschafft werden. Kein Kind wäre so naiv, dies zu glauben, warum also sollten wir es tun? Und letztlich ist die absolute Wahrheit ja nichts anderes als die unausweichliche Konsequenz der Existenz Gottes, seines Wesens und seines Wirkens.

 

„Die Wahrheit ist ein Grundsatz; sie bedarf keines Beweises. Was immer durch Argument und Beweis gestützt werden muss, wird früher oder später durch Beweis und Argument niedergeschlagen.“

Mikhail Naimy, Das Buch des Mirdad

 

Das Wort „Wahrheit“

lässt sich im indogermanischen auf Begriffe wie Vertrauen, Treue und Zustimmung zurückführen. In der hebräischen Sprache findet sich der Zusammenhang mit dem magischen Wort amen, was unter anderem bedeutet: wahrlich; es geschehe. Und lassen wir einen Buchstaben weg und schreiben einfach „Warheit“, dann landen wir bei der Interpretation „war schon immer so“ und im nächsten Schritt bei der Schlussfolgerung „… und wird immer so sein“.

Vielleicht ist

die Wahrheit ja wie der strahlend blaue Himmel, der immer da ist, auch wenn die schwärzesten Wolken ihn verdecken. Und vielleicht stehen die mehr oder weniger dichten Wolken für unser mehr oder weniger beschränktes Bewusstsein, das unserem Erkenntnisvermögen, kurz unserer Weisheit, Grenzen setzt. Denn alle menschliche Weisheit ist ja sehr wohl relativ, ist sie doch nichts anderes als eine mehr oder weniger tiefe Einsicht in erhabene Zusammenhänge, die auf von uns gemachten Erfahrungen und / oder von uns errungenem Wissen beruht.

 

„Seht diesen Kristall: So wie das eine Licht offenbar ist in zwölf Flächen, ja in viermal zwölf, und jede Fläche einen Strahl von dem Lichte zurückwirft und man eine Fläche und ein anderer eine andere anschaut, so ist es doch der eine Kristall und das eine Licht, das in allen scheint.“

Das Evangelium des vollkommenen Lebens

 

Vielleicht lässt sich

ja auch hier, bei diesen forschenden Betrachtungen, der Grundsatz der dreigeteilten Schöpfung nutzbringend anwenden. Dann würden Vater, Sohn und Heiliger Geist mit den Begriffen absolute Wahrheit, absolute Weisheit und absolutes Wissen korrespondieren. Und bezogen auf den Menschen finden wir dann die Übereinstimmung mit der in allen Weisheitslehren auftauchenden Dreiteilung von Geist, Seele und Körper.

Der ursprüngliche

menschliche Geist – den wir wohl nicht mehr wirklich besitzen, sondern vielmehr auf unserem … schmalen Pfad zurück wieder erringen müssen – kennt selbstverständlich weder Zweifel noch Lüge, nur absolute Gewissheit. Der menschliche Geist, ein Funke aus Gottes Geist, steht auf dem Urgrund, ruht in der Absolutheit seines Schöpfers, korrespondiert also mit der absoluten Wahrheit. Die menschliche Seele in ihrem derzeitigen Entwicklungszustand geht immer weiter in Richtung der absoluten Weisheit, ist aber wohl noch einige Tagesreisen davon entfernt. Und last but not least bildet der Körper, der bislang am weitesten entwickelte Teil des Menschen, das Instrument, das Werkzeug, das mittels seiner Sinne Wissen und Erfahrungen für die Heimreise sammelt.

Was unten ist,

der irdische Mensch, gleicht dem, was oben ist, dem ursprünglichen göttlichen Menschen. Wohlgemerkt: Hermes sagt er gleicht ihm; er sagt nicht er ist der ursprüngliche göttliche Mensch. Der irdische Mensch in seinem derzeitigen Entwicklungs- und Bewusstseinszustand ist also noch etwas entfernt von der Absolutheit des göttlichen Menschen. Wir alle befinden uns auf einem langen, spannenden Weg aus der Relativität zurück in die Absolutheit, aus Wahn und Illusion zurück in die absolute Klarheit. Und das alles, damit die Wunder des Einen, des All-Einen, des unbewegten Bewegers, des ungeoffenbarten Offenbarers sich vollziehen können.

Text & Photographie / Stefan Kälberer

 

“[…] Wahrheit kann erst wirken, wenn der Empfänger für sie reif ist.”

Christian Morgenstern

 

 

Was sucht ein Sucher?

„Spiel Dein Spiel und wehr dich nicht,

Laß es still geschehen.

Laß vom Winde, der dich bricht,

Dich nach Hause wehen.“

Hermann Hesse, Welkes Blatt

 

Von welchem Spiel,

von welchem Wind und von was für einem Zuhause spricht Hermann Hesse hier? Im dritten Teil, in den letzten Versen seines Gedichtes „Welkes Blatt“ zieht der Dichter ein Hoffnung spendendes Fazit trotz der in den ersten beiden Absätzen geschilderten Vergänglichkeit unserer Welt. Dieser ewige Wandel ist ja allzu oft, wenn nicht immer mit Schmerzen, mit Abschied nehmen verbunden. Aber er spricht auch von einem Spiel und von einer Kraft die uns angreift, ja zerbricht und uns dennoch hilft. Und er spricht von einem damit verbundenen guten Ende: wir landen schlussendlich wieder da, wo unsere Reise, wo unser Alltag, unsere Suche nach dem Leben fast ausnahmslos beginnt: Zuhause!

Das Wort „Spiel“

bedeutete ursprünglich: tanzen, sich lebhaft bewegen. Heute wird es wohl häufiger als Alternative zur Ernsthaftigkeit des Lebens betrachtet. Man lenkt sich ab damit, man nutzt es als Zeitvertreib. Man freut sich an der Möglichkeit zu gewinnen und verdrängt allzu oft die Chance des Verlierens. Oder man trägt Elemente des Spiels hinüber in den ernsthaften Teil des Alltags. Man schauspielert sich durchs Leben oder man spielt gar ein falsches, vielleicht sogar ein abgekartetes Spiel. Das Leben als eine Bühne, die Realität aber ist anderswo! Nur wo?

Und dann kommt

da der Wind ins Spiel, zerbrechend, nicht zart umschmeichelnd. Geheimnisvoll in seinem Entstehen bringt er Dinge in Bewegung, bringt Veränderung, bläst uns häufiger als uns lieb ist ins Gesicht. Aber oft – oder vielleicht sogar immer? – bringt er frischen Wind ins Spiel. Er hilft uns wacher, klarer, bewusster zu werden. Selbst unsichtbar, sind seine Auswirkungen stets klar erkennbar. Und er kommt und geht wie er es will, nicht wie wir es wollen. Er gehorcht Gesetzen, Rhythmen, die wir nicht wirklich verstehen.

Und dann ist

da noch die Rede von einem Zuhause, von einem Ruhepol, von einem Ort der Geborgenheit und Sicherheit verspricht. Aber Hesse spricht ganz offensichtlich nicht von unserem gewohnten Zuhause. Da schwingt etwas mysteriöses mit, die vage Andeutung eines neuen, vielleicht vor Urzeiten verlorenen Zuhauses, vielleicht zu finden auf einer höheren Spirale unserer Lebensentwicklung? Das folgende Zitat unterstützt diesen Gedanken!

 

„Ich komme von anderswo, und auch wenn ich nicht weiß, wo das ist, werde ich am Ende sicher dorthin zurückkehren.“

Rumi

 

Die heiligen Schriften

der Inder sprechen von unserer Welt als „Maya“, als einer Täuschung. Und vielleicht ist diese Täuschung ein Spiel, das fälschlicherweise als das wahre Leben angesehen wird. Es ist ihrer (und meiner) Meinung nach die Bühne, auf der wir alle mehr oder weniger bewusst zu spielen haben, die aber letzten Endes mit dem wahren Leben so wenig zu tun hat wie die kindliche Strichzeichnung einer Katze mit dem schnurrenden Wesen auf unserem Schoß. Und die Inder sagen auch, die menschlichen Seelen würden kurz vor ihrer Inkarnation flehentlich bitten: „O, lass mich nicht vergessen woher ich komme“ und, kaum in diese, unsere Welt hineingeboren, würden sie tieftraurig klagen: „O, nun habe ich vergessen woher ich komme“.

Spiritualität bedeutet

letzten Endes nichts anderes, als einen tiefen Sinn, eine treibende Kraft hinter all dem geoffenbarten Leben um und in uns selbst zu suchen und auch zu finden. Denn, es ist nicht einfach nur ein Zitat aus der Heiligen Schrift, sondern ein kosmisches Gesetz: „Wer suchet, der findet“. Hier lässt sich erneut an Hesse´s Gedicht anknüpfen: Das „Spiel“ ist unsere zwar notwendige, aber mit Sicherheit nicht endlose Wanderung in Vergessenheit durch eine Welt, die nicht unsere wahre Heimat ist. Und der „Wind“ ist die treibende Kraft aus dem Göttlichen, die „sucht, was verloren ist“ und jeden nach Hause geleitet, der eine tiefe, aufrichtige Sehnsucht nach dieser wahren Heimat entwickelt hat. Denn das „Zuhause“ im Gedicht ist nichts anderes als „das Reich, nicht von dieser Welt“, von dem Jesus sprach.

Text & Photographie / Stefan Kälberer

 

„Was Du suchst, ist das, was Dich sucht.“

Franz von Assisi

 

Gedicht #03 “Es gibt das Licht”

Sachbücher sind eine Sache,

Gedichte eine andere. Sachbücher habe ich geschrieben, sie mir teilweise auch abgerungen. Aber Gedichte? Die haben mich nie so wirklich interessiert. Und selbst welche zu schreiben, daran habe ich nicht einmal im Traum gedacht. Und dann wache ich eines morgens auf, habe ein paar Reime wie aus einem vergessenen Traum im Kopf und spüre, das musst du aufschreiben.  Wenige Stunden später ist das erste Gedicht fertig. Die nächsten Tage kommen zwei weitere zu mir! Magisch? Ich finde schon! Seitdem ist mir keines mehr zugeflogen.

Hier also Gedicht #03:

es gibt das licht

 

fremd bin ich geworden in der welt
lebe nur noch in zerschliss´nem zelt
aufwärts zu den sternen geht mein blick
versperrt zeigt sich der weg zurück
trauer demut stille – meine besten freunde nun
sagen mir was hier für mich letztlich bleibt zu tun
tiefer bislang kaum verstand´ner schmerz
treibt mich heim ins ewig off´ne vaterherz
mein blutend weltlich herz ans kreuz gebannt
der blick sich richtet zu den bergen unverwandt
die fremdlingsschaft prägt mich mit macht
doch letztlich führt sie aus der eis´gen nacht
einst blinde augen ew´ge zeit in finsternis gericht
seh ich mit geschloss´nen lidern nun – es gibt das licht

 

Text & Photographie / Stefan Kälberer

Gedicht #02 “Wenn ihr mir helft”

Sachbücher sind eine Sache,

Gedichte eine andere. Sachbücher habe ich geschrieben, sie mir teilweise auch abgerungen. Aber Gedichte? Die haben mich nie so wirklich interessiert. Und selbst welche zu schreiben, daran habe ich nicht einmal im Traum gedacht. Und dann wache ich eines morgens auf, habe ein paar Reime wie aus einem vergessenen Traum im Kopf und spüre, das musst du aufschreiben.  Wenige Stunden später ist das erste Gedicht fertig. Die nächsten Tage kommen zwei weitere zu mir! Magisch? Ich finde schon! Seitdem ist mir keines mehr zugeflogen.

Hier also Gedicht #02:

wenn ihr mir helft

 

wenn ihr mir helft erhab´ne freunde
kann ich es wagen
dem zweifel wahres ins gesicht zu sagen
wenn ihr mir helft erhab´ne freunde
kann ich´s riskieren
mein einstmals stolzes ich in langmut zu verlieren
wenn ihr mir helft erhab´ne freunde
erkenne ich in IHM stets klarer
den allumfassend ungeoffenbarten offenbarer
wenn ihr mir helft erhab´ne freunde
seh ich in seinem SOHN
des ringend menschen rettend weg und höchsten lohn
wenn ihr mir helft erhab´ne freunde
wächst mir in seinem HEILIG GEISTE
die kraft und nahrung zu für meine heimwärtsreise
wenn ihr mir helft erhab´ne freunde
kann ich den EINEN
erneut mit meinem wahren selbst vereinen
wenn ihr mir helft erhab´ne freunde
wird nach millionenfachem irren
des schmerzes harter knoten sich wie von selbst entwirren
weil ihr mir helft erhab´ne freunde
kann ich es wagen
geschenktes licht verschenkend in die nacht zu tragen
weil ihr mir helft erhab´ne freunde
sprech ich noch stehend in der nacht
bar jeden zweifels – bald ist´s vollbracht

 

Text & Photographie / Stefan Kälberer

 

Gedicht #01 “Wahrer Glaube”

Sachbücher sind eine Sache,

Gedichte eine andere. Sachbücher habe ich geschrieben, sie mir teilweise auch abgerungen. Aber Gedichte? Die haben mich nie so wirklich interessiert. Und selbst welche zu schreiben, daran habe ich nicht einmal im Traum gedacht. Und dann wache ich eines morgens auf, habe ein paar Reime wie aus einem vergessenen Traum im Kopf und spüre, das musst du aufschreiben.  Wenige Stunden später ist das erste Gedicht fertig. Die nächsten Tage kommen zwei weitere zu mir! Magisch? Ich finde schon! Seitdem ist mir keines mehr zugeflogen.

Hier also Gedicht #01:

wahrer glaube
ihr sagt mir glauben sei nicht wissen
dabei seid ihr es die komplett zerrissen
des lebens tiefen sinn unwissend missen
ich aber sag euch herzens glaube kommt vor kopfes schlüssen
wer des verstandes haus erbaut an unverstand´nen flüssen
dem wird die weltlich scheinerkenntnis von tosend flut entrissen
ihr sagt mir wahr sei nur was tastbar sichtbar hörbar
dabei wisst ihr noch nicht mal was ihr tastet sichtet hört
auf hauptes eiseskalte logik ihr überlegen lächelnd schwört
ich aber sag euch wahre weisheit wird durch herzens milde erst errungen
des hauptes zweifel haben allzu oft schon tiefes leid herbei gezwungen
wer dies nicht fasst ist in des lebens tiefe bislang noch nicht gedrungen
ihr sagt mir leben sei das recht aus stärke kampf und selbstbehauptung
ihr blickt verächtlich nur auf schwäche mitgefühl und menschliche verzweiflung
ihr glaubt des bruders helfend hand niemals zu brauchen sei die krönung
ich aber sag euch hochmut herrschsucht hass sind tiefsten absturzes beweise
des menschen ziel jedoch ist die befreiung aus diesem teuflisch rasend kreise
so macht auch ihr euch endlich auf und geht auf lang ersehnte reise
die führt ins alldurchdringend schattenlose licht
wer daran glaubt äonenalte ketten mit leichter hand zerbricht

 

Text & Photographie / Stefan Kälberer