Faszination Wasser

“Tun die Himmel sich auf und regnen, so träufelt das Wasser über Felsen und Gras, Mauern und Bäume zugleich. Kehret die Sonne zurück, so verdampfet vom Steine die Wohltat. Nur das Lebendige hält Gabe des Göttlichen fest.”

Johann Wolfgang von Goethe

 

Es besteht wohl

der tief begründete Anlass, uns dem Element Wasser mit der allergrößten Dankbarkeit zu nähern. Denn Wasser ist erstens unabdingbar für jedwede Art von Leben. Und zweitens bietet uns das Wasser die vielleicht markanteste Analogie zum Verständnis der Beziehung zwischen irdischer und geistiger Welt. Am Beispiel des Wassers lassen sich wunderbar die Prozesse betrachten, die zu einer Höherentwicklung allen Lebens führen.

So danken wir

der geistigen Welt von Herzen, dass sie es uns mittels dem für uns so scheinbar alltäglichen Element Wasser ermöglicht, einen Blick in die göttlichen Mysterien zu werfen. So begreifen wir, dass wir oft nur nüchterne Beobachter sein müssen, um tiefgründige Einblicke zu erlangen, um unseren Horizont zu erweitern. Und dass uns all diese Botschaften auch von göttlich inspirierten Lehrern, wie beispielsweise Johann Wolfgang von Goethe einer war, immer wieder überbracht werden.

 

Am Beispiel Wasser

können wir erkennen, dass es Gesetze gibt, die waren, die sind und die für immer sein werden. Das Verhalten des Wassers veranschaulicht uns in großer Klarheit die Verwandlung von Geist in Materie und umgekehrt. Betrachten wir einfach einmal einen zugefrorenen See. Sein Wasser wird im Winter starr und entwickelt eine enorme Härte. Es tut dies aber nicht rücksichtslos, nicht “gedankenlos”! Denn würde es das tun, würde der See bis auf den Grund erstarren und damit alles darin befindliche Leben ausgelöscht werden. Wodurch nun wird dies verhindert?

Es wird verhindert

durch die Anomalie des Wassers, eine Eigenschaft, die kein anderes Element besitzt. So wird das Leben in Seen und Meeren geschützt, ja regelrecht behütet. Denn die Anomalie des Wassers bedeutet, dass es im Gegensatz zu allen anderen Elementen nicht bei Temperaturen unter dem Nullpunkt seine größte Dichte erreicht, sondern bereits bei plus vier Grad Celsius. Daher ist erstarrtes Wasser, sprich Eis, leichter als flüssiges Wasser. Daher schwimmt es immer oben und damit kann die Temperatur am Grunde eines Sees oder Meeres nicht unter plus vier Grad fallen. Man könnte sagen, das Mysterium Leben wird durch das Mysterium Wasser behütet.

 

Mit der zunehmenden

Wärme der intensiver werdenden Frühlingssonne schmilzt dann das Eis des Sees und erhöht sein Vibrationsniveau, wechselt den Aggregatzustand, wird also wieder zur Flüssigkeit. Auch solch ein Wechsel des Aggregatzustandes ist ein wunderbarer Beweis für die Möglichkeit einer Veränderung des Seinszustandes alles Geschaffenen. Und diese Veränderung, diese Erhöhung des Vibrationsniveaus ist nichts anderes als ein Synonym für die Entwicklung der starren, oft scheinbar toten Materie hin zu immer feinstofflicheren, immer lebendigeren, immer höher schwingenden Daseinsformen. Kurzum: Es ist der Weg der Materie ins Geistige.

Dann kommen

die Monate, in denen die Sonne in ihrem Zenit steht, in denen sommerliche Hitzeperioden das Wasser unseres Sees in sonnendurchflutete, himmelwärts strebende Wolken verwandeln, oder besser gesagt: transformieren. Denn wieder ist die scheinbar tote Materie auf ein höheres Vibrationsniveau gehoben worden. Und noch immer sind es Prozesse, die vom menschlichen, vom irdischen Auge mühelos wahrgenommen, die aufmerksam verfolgt werden können.

 

Und dabei ist es

vorstellbar, dass es nach oben möglicherweise keinerlei Grenzen gibt. Die für unser Auge sichtbaren Wolken lösen sich bei bleibender Sonneneinstrahlung zuerst in feine Wolkenschleier, dann in für uns unsichtbare Wasserstoffatome auf. Nur ein zehnmillionstel Millimeter groß, können diese von keinem menschlichen Auge mehr erfasst werden. Aber dennoch würde kein Mensch behaupten, dass sie deshalb nicht mehr existent seien.

Und das nun

ist wieder solch eine wunderbare Analogie, die so manchen Skeptiker bezüglich der Frage nach einem eventuellen Weiterleben nach dem Tod des grobstofflichen Körpers überzeugen kann, dass damit vielleicht doch nicht alles zu Ende ist. Und wir wissen auch nicht, ob sich vielleicht auch das eine oder andere Wasserstoffatom nach absolviertem Kreislauf immer weiter empor schwingt bis hinauf in das Reich nicht von dieser Welt. Zurück also ins Göttliche, um danach nicht mehr zur Erde zurück zu kehren.

 

Glaubt man den alten

Weisheitslehren, dann hätten wir auch hier am Beispiel des Wassers nochmals ein Lehrbeispiel zur Weiterentwicklung, zur Höherentwicklung allen Lebens. Denn der in höchste Höhen aufgestiegene Wasserdampf wird sich über kurz oder lang wieder verdichten, als Regen zur Erde fallen. Dann wird das Wasser erneut seine lange, oft Jahrzehnte, manchmal Jahrhunderte oder gar Jahrtausende dauernde Reise durch tiefste Gesteinsschichten, Flüsse, Gletscher, Seen und Meere antreten. Und so muss auch der irdische, nach seiner Seele noch nicht wahrhaft bewusst gewordene, noch nicht vollständig transformierte Mensch erneut inkarnieren und wie der fallende Regen wieder herunter auf die Erde. Er bleibt fürs erste gekettet an das Rad von Geburt und Tod, wie es die Buddhisten, wie auch die Rosenkreuzer ausdrücken.

Man darf

den alten Weisheitslehren Glauben schenken, denn es gibt die Möglichkeit der Erlösung vom scheinbar endlos sich drehenden Rad von Geburt und Tod. Der Mensch, der es versteht, seine irdische Ausrichtung, seine Anhaftung an diese Welt zu überwinden und seine Seele wieder mit dem göttlichen Geist zu vereinen, wird frei, muss nicht mehr zurück in den Kreislauf, zurück in die Erstarrung. Er tauscht dann das falsche Licht dieser Welt gegen das einer neuen Morgenröte. Und die wird dann zu einem befreienden Aufgang in das allzeit scheinende göttliche Licht. Und darum können wir sicher sein, dass sich auch das eine oder andere glückliche Wasserstoffatom vom ewigen Kreislauf verabschiedet. Denn für alle und alles gilt das hermetische Grundprinzip: Wie innen, so  außen, wie oben, so unten.

 

“Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen, denn andere Wasser strömen nach. Auch die Seelen steigen gleichsam aus den Wassern empor.”

Heraklit

 

Anmerkung:

Alle Photos dieses Beitrags entstanden innerhalb weniger Minuten an einem banalen Springbrunnen. Mit einer sehr kurzen Verschlusszeit, zwischen 1/4.000 und 1/16.000 Sekunde, aufgenommen gegen einen anfangs eher grauen, dann blauen, von wenigen Wolken durchzogenen Himmel,  erscheint das Wasser wie lebendiger, für kürzeste Momente erstarrter Kristall.

Alle Aufnahmen können durch Anklicken in höherer Auflösung betrachtet werden.

Text & Photographie / Stefan Kälberer

Streiflicht #05

“Wüßt ich genau, wie dies Blatt aus seinem Zweige kam,

schwieg ich auf ewige Zeit, denn ich wüßte genug.”

Hugo von Hoffmannsthal

 

Staunend vor den Wundern der Natur stehend, wird mir immer wieder bewusst, wie wenig ich letzten Endes wirklich verstehe, wie ich blinden Auges in der Illusion stehe, tatsächlich schon zu sehen. Walter Russell hat es einmal so ausgedrückt: “Die Menschen besitzen sehr viele Informationen, aber nur sehr wenig Wissen.”

Und tatsächlich: Wo befindet sich die Intelligenz, die das Blatt aus seinem Zweige treibt und ihm die einzig richtige Form gibt?  Und wie wirkt die Kraft, die das im Hintergrund glitzernde Wasser durch feinste Kanäle im genau richtigen Moment ins zarte Grün der neuen Lebensoffenbarung drängt? Ich weiß, dass es geschieht, denn das kann ich sehen, aber WIE und WARUM es geschieht, das kann ich (noch?) nicht sehen! Die Sehnsucht aber, es eines Tages klar und deutlich schauen zu dürfen, wächst von Tag zu Tag …

Text & Photographie / Stefan Kälberer

Unsere Welt der Gegensätze

“Viele Dinge in Meinem Universum  sind von majestätischen Ausmaßen; und viele andere sind so klein, dass man sie nicht wahrnehmen kann.

Aber ich habe nicht ein Gesetz für majestätisch große und ein anderes für nicht wahrnehmbare kleine Dinge. Ich habe nur ein einziges Gesetz für alle Meine entgegengesetzte Paare schöpferischer Dinge; und dieses Gesetz braucht nur ein Wort, um deutlich zu werden, also höre Mich, wenn Ich sage, dieses Eine Wort Meines Gesetzes lautet:

AUSGEWOGENHEIT.

Und wenn der Mensch zwei Worte braucht, die ihm zu erkennen helfen, wie dieses Gesetz funktioniert, so lauten diese Worte

AUSGEWOGENER AUSTAUSCH.

Und wenn der Mensch noch mehr Worte braucht, um seinem Wissen über Mein Eines Gesetz weiterzuhelfen, so gib ihm noch ein Wort, und die drei Worte zusammen lauten

RYTHMISCH AUSGEWOGENER AUSTAUSCH.

Walter Russell, Die Botschaft der göttlichen Iliade

 

Wohl bei wenig

anderen Themen wird die vorbereitende Lektüre verschiedener Autoren so sehr durch die Unzahl der verwendeten Begriffe erschwert, wie bei dem Thema Unsere Welt der Gegensätze.  Begriffe wie Dualität, Polarität, Dialektik, Nondualität, Notordnung, Zweieinheit und Einheit können für immense Verwirrung sorgen. Für eine große, erhabene Klarsicht kann aber die obige Passage aus Walter Russells Werk Die Botschaft der göttlichen Iliade sorgen.  Sie ermöglicht eine absolute Klarsicht, weil durch diese schlüssige Erläuterung des vielleicht wichtigsten kosmischen Gesetzes, das Thema zutiefst verstanden und verinnerlicht werden kann.

Denn letzten Endes

geht es einzig und allein um den Unterschied zwischen Harmonie und Disharmonie. Während es einerseits eine Göttliche Welt der ABSOLUTEN Harmonie gibt, existiert parallel dazu eine Welt der nicht zu leugnenden Disharmonie, die sich mal mehr, mal weniger deutlich zu erkennen gibt. Zwar lässt sich, vor allem in unserem Weltteil, die Illusion, es sei ja im Großen und Ganzen alles in Ordnung, relativ leicht und auch lange aufrecht erhalten. Über kurz oder lang aber offenbart sich das Gesetz der Disharmonie, das Gesetz des scheinbar endlosen Werdens und Vergehens, der Schmerzen und der Freuden, der Liebe und des Hasses jedem. Es offenbart sich jedem, der nur gewillt ist, die derzeitigen Verhältnisse in der Welt, aber auchhier vor der eigenen Haustür, in Europ, unvoreingenommen zu betrachten.

Daher soll hier

die so gut wie allen Menschen (noch) nicht zugängliche himmlische Welt die Welt der Harmonie genannt werden. Die uns so gut bekannte, wenn auch nicht immer klar durchschaute und verstandene irdische Welt, soll als Welt der Disharmonie bezeichnet werden. Dass unsere Welt eine Welt der Gegensätze ist, wird kaum irgend jemand leugnen. Und dass diese Gegensätze nicht unbedingt immer befruchtend, sonder häufig zerstörerisch wirken, werden auch die meisten Menschen unumwunden zugeben. Dass unsere irdische Welt aber eine Welt der völligen Disharmonie ist, dürfte weit schwerer zu akzeptieren sein. Das ändert aber nichts an dieser Tatsache. In der Heiligen Schrift, der Bibel, werden diese beiden Welten durch die Metapher vom Baum des Lebens, entsprechend der Welt der Harmonie, des ewigen Wachstums und dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen, der Welt der Disharmonie entsprechend, unterschieden.

 

“Für die Pythagoräer war die Zwei die erste geschlechtliche Zahl, gerade und weiblich. Um ein Verständnis für die Dualität zu bekommen, betrachteten sie Gegensatzpaare wie begrenzt – unbegrenzt, gerade – ungerade, eins – viele, rechts – links, männlich – weiblich, ruhig – bewegt. Auch das Ein- und Ausatmen […] wäre hier zu nennen. […]

Alle Menschen erfahren mittels zweier Augen und zweier Ohren, dass es ein Links und Rechts, ein Vorn und Hinten, ein Auf und Ab gibt. Männer wie Frauen leben unter einer Sonne und einem Mond, die in wunderbarem Gleichgewicht gleich groß am Himmel stehen; die eine scheint am Tage, der andere bei Nacht.”

Miranda Lundy, Quadrivium

 

In der Geistesschule

des Pythagoras lernten die Schüler, dass Gegensätze nicht grundsätzlich negativ und damit abzulehnen sind. Arbeiten Gegensätze im Göttlichen Sinne absolut harmonisch zusammen, dann kann Neues nicht nur entstehen, es kann sogar ewig bestehen. Aus der absoluten Einheit des EINEN, der Eins, ist die Zwei, die Zweiheit hervorgegangen. GOTT erschuf sich ein Gegenüber, das mit für uns unvorstellbaren schöpferischen Fähigkeiten ausgestattet war. Werden diese Fähigkeiten im Sinne der Alloffenbarung eingesetzt – gemäß dem Mantram Dein Wille geschehe – ist Harmonie die logische Folge. Missbraucht der Mensch sein schöpferisches Potential – durch ein trotziges mein Wille geschehe – muss zwangsläufig Disharmonie entstehen.

Der Begriff der Polarität

vermittelt vielleicht noch am leichtesten die nachvollziehbare Tatsache, dass es ohne Gegensätze kein Leben geben kann. Die wahre, göttliche, geoffenbarte Einheit ist letzten Endes also immer eine in sich absolut ausgewogene Zweieinheit. Das Beispiel einer simplen Batterie verdeutlicht, dass ein Energiefluß – also Antrieb für Leben, Fortschritt und Offenbarung – nur zwischen zwei klar voneinander zu unterscheidenden Polen möglich ist. So könnte man ganz banal eine Batterie als Beispiel für den Gedanken der Zweieinheit verwenden, denn die beiden Pole sind ja letzten Endes nicht voneinander zu trennen. Und auch der Mensch lebt aus diesem Prinzip der Polarität. Denn erst durch die innige Vereinigung des männlichen Lebensprinzips mit dem weiblichen Prinzip wird neues Leben möglich. Durch den Fall in die Eigenwilligkeit wurde die Trennung der Geschlechter, wie wir sie kennen, erst notwendig. Die dadurch entstandene Möglichkeit, um nicht zu sagen Unvermeidbarkeit von Disharmonien bedarf sicher keiner weiteren Beweise.  Der ursprüngliche, himmlische Mensch  aber war eine kosmische Zweieinheit und dank einem inneren weiblichen und  männlichen Aspekt selbstschöpferisch tätig. Er lebt(e) so in einer Welt der absoluten Harmonie.

Im Großen schließlich

zeigt und beweist sich dieses kosmische  Grundgesetz auch am Beispiel unseres Mutterplaneten, der einen Nordpol und einen Südpol besitzt und sich um diese Lebensachse dreht. Die Universelle Weisheitslehre erklärt, dass unsere Erde über den Nordpol kosmische Lebenskräfte aufnimmt, diese Nahrung verarbeitet und dann allem auf und in ihr existierenden Leben zur Verfügung stellt. Die nicht mehr benötigten Stoffe werden schlußendlich über den Südpol wieder ins Weltall ausgestossen. Unsere Mutter Erde tut dies ohne Eigeninteresse und damit in absoluter Harmonie und Dienstbarkeit für alle Geschöpfe.

 

“Der Mensch kann tun, was immer er wählt. Er kann Glück herstellen, Erfolg, Wohlstand, Freundschaften und Gesundheit, einzig indem er dem Gesetz gehorcht. Er kann sie niemals finden, indem er das Gesetz missachtet.

Die Menschheit hat in ihrem Bestreben, Glück, Wohlstand und Macht zu finden, das Gesetz seit Äonen gebrochen. Die Zivilisation ist auf unausgewogener Grundlage, dem Recht des Stärkeren errichtet worden. Nationen haben sich bereichert, in dem sie andere Völker arm gemacht haben, in der Erwartung, Glück zu finden, wo sie Elend erzeugten – in der Erwartung, Macht zu erlangen, indem sie andere der Macht berauben.”

Walter Russell, Die Botschaft der göttlichen Iliade

 

Unter dem Begriff

Gesetz versteht Walter Russell das oben angeführte Gesetz des rythmisch ausgewogenen Austausches. Er meint damit nichts anderes als die Heilige Schrift, die den Menschen ermutigt, seine Rechte wie seine Pflichten wahrzunehmen indem er alles empfangen, alles preisgeben und damit alles erneuern soll. Dieses Gesetz ist das Gesetz der Harmonie und seine Missachtung führt zwangsläufig zu Disharmonie. Wird es beachtet, kann der Mensch zu gegebener Zeit wieder in seine ursprüngliche Heimat zurückkehren und weiterschreiten von Kraft zu Kraft und von Herrlichkeit zu Herrlichkeit. Die Ewigkeit und Unendlichkeit sind dann zu seiner neuen (alten) Heimat geworden. Der verlorene Sohn ist heimgekehrt.

Weigert er sich

aber die göttlichen Gesetze zu beachten, ganz egal ob aus Unkenntnis oder aus bewußter Negation derselben, dann führt er ein Leben zwischen Extremen. Dann schleppt er sich durch eine Welt, in der nichts Bestand hat, eine Welt, in der ihm der Schatz von heute zum Staub von morgen wird. Raum und Zeit sind dann sein Gefängnis. Und ein Abglanz gelegentlich errungener Kraft und Herrlichkeit wechselt sich dann mit der Präzision eines Uhrwerks ab mit nicht zu übersehender Schwäche und Erbärmlichkeit. Dies ist die Signatur der Welt der Disharmonie.

 

“Weil die Wesen in der geschaffenen Welt

das Schöne als schön bezeichnen,

schaffen sie so das Häßliche.

 

Weil die Wesen in der geschaffenen Welt

das Gute als gut bezeichnen,

schaffen sie so das Nicht-Gute.”

LaoTse, Tao Te King, Vers 2

 

In unserer Welt

der Disharmonie ist das Gute der kleinste Teil des Bösen und umgekehrt. Beides ist nicht voneinander zu trennen und eins schlägt über kurz oder lang unweigerlich wieder in sein Gegenteil um. Die Normen, die die Menschen für Gut und Böse aufstellen, wandeln sich unaufhörlich, ohne aber tatsächlich etwas am äonenalten Schubladendenken zu ändern. Mühsam hat sich die Menschheit erst vom Sippen- und Clandenken befreit, dann vom extremen Landespatriotismus hin zum Gedanken von Staatenbündnissen entwickelt. Und allmählich beginnt der Mensch tatsächlich vom Weltbürgertum zu träumen. Aber auch wenn Grenzen zwischenzeitlich etwas weiter gezogen werden als noch vor ein paar Jahrhunderten, so sind sie dennoch in den Köpfen oft noch existent. Das Wir hier gegen die anderen dort drüben sitzt nahezu unausrottbar in Köpfen und, schlimmer noch, in den Herzen unzähliger Menschen. Fazit: Alles was von uns als negativ empfunden wird ist nicht gottgegeben sondern menschengemacht.

Wer noch

(oder wieder) in der Lage ist mit dem Herzen zu sehen, sieht allerorten klar und deutlich die Zeichen des Selbstbetrugs. Es sind zugleich die Zeichen der Relativität irdisch menschlicher Vorstellungen von Gut und Böse, von Altruismus und Menschenverachtung, von vermeintlich freiem Willen und einem allzu oft als blind erachteten Schicksal. Die Dualität, die Welt der Disharmonie, zeigt immer wieder ihr wahres Gesicht in Form von sich unversöhnlich gegenüberstehenden Gegensätzen. Von einer Welt erhabener Polarität, einer Welt der Harmonie, in der sich alles ergänzt und gleich-wertig gegenübersteht, weiß die große Masse der Menschheit bis zum heutigen Tage nichts.

 

“O ihr Völker, ihr Menschen, die ihr aus der Erde geboren seid und euch dem Rausch und dem Schlummer der Unwissenheit über Gott ergeben habt, werdet doch nüchtern und hört auf, euch in der Verkommenheit zu wälzen, verzaubert, wie ihr seid, durch einen tierischen Schlaf.

O ihr Erdgeborenen, warum habt ihr euch dem Tod übergeben, derweil ihr Macht habt, an der Unsterblichkeit teilzuhaben? Kommt zur Einkehr, die ihr in der Täuschung wandelt und die Unwissenheit als Führer angenommen habt. Befreit euch von dem dunklen Licht und nehmt teil an der Unsterblichkeit, indem ihr für immer Abschied nehmt vom Verderben.”

Hermes Trismegistos, Das Buch Pymander

 

Das Problem

des Menschen, sein Irrweg durch das Labyrinth der letzten Endes unverstandenen Gegensätze, ist kein wirklich neues Problem, im Gegenteil – es ist uralt! Hermes Trismegistos thematisiert es ebenso wie LaoTse und viele andere große Lehrer. Man könnte mit Hermes auch sagen O ihr Erdgeborenen, warum habt ihr euch in der Welt der Disharmonie eingerichtet, derweil ihr Macht habt, an der Welt der Harmonie teilzuhaben? Und Hermes spricht zudem von einem Rausch und von einem Schlummer, von einem äußerst unbewußten Leben in Täuschung und Unwissenheit. So kommen wir zu der elementaren und abschließenden Frage: Wie konnte der Mensch dahin kommen, wo er heute steht? Die Antwort gibt uns Friedrich Schiller wie auch Jan van Rijckenborgh, der Begründer des Modernen Rosenkreuzes.

Text & Photographie / Stefan Kälberer

 

 

“Freue dich deines Bildes in dem spiegelnden Wasser, aber stürze dich nicht hinab, es zu umfassen; in seinen Wellen ergreift dich der Tod. Liebe nennen sie diesen schmeichelnden Wahnsinn. Hüte dich, an dieses Blendwerk zu glauben, das uns die Dichter so lieblich malen. Das Geschöpf, das du anbetest, bist du selbst; was dir antwortet, ist dein eignes Echo aus einer Totengruft, und schrecklich allein bleibst du stehen.”

Friedrich Schiller

 

 

“Alle Elemente der Natur mit ihren Wirkungen, Kräften und Möglichkeiten wurden einmal […] der himmlischen Menschheit übergeben, einer wirklich göttlichen Menschheit, die in einem göttlichen Arbeitsfeld wirkte. Der himmlische Mensch betrat gleichsam einen Wundergarten, ein Paradies. Er […] erforschte alles, was aus der Natur zum natürlichen Leben erwachte. Und weil das Arbeitsfeld so wunderbar schön war […] vergaß der himmlische Mensch allmählich seine wahre Heimat und blieb im Wundergarten. […] Als er seine eigene Gestalt im Wasser erkannte, begann er, sie zu lieben […]. In diesem Augenblick hatte der Wille ein sehr törichtes Bild geschaffen. So entwickelte sich der Zustand, in dem […] die Materie ihren Geliebten umfasste und sich vollkommen mit ihm verband. Der himmlische Mensch […] wurde gefangen genommen.”

Jan van Rijckenborgh, Die Ägyptische Urgnosis / Band I

 

Angst & Glück

Wie oft sind wir

Menschen unterschiedlicher Meinung, diskutieren, ja streiten über unseren Standpunkt. Und merken gar nicht, dass sich scheinbar unvereinbare Standpunkte meist mühelos vereinigen lassen, wechselt man nur die Betrachtungsebene. Unser zugespitzter Individualismus verhindert leider immer wieder tiefere Erkenntnisse, da es ihm am Interesse für übergeordnete Zusammenhänge mangelt. Die Angst, ein mühsam errungenes Stückchen Glück wieder an einen anderen zu verlieren, ist einfach zu groß. Ein Sucher aber, der sich von seinem ICH-zentrierten, einengenden Weltbild entfernt und das Glück dafür im Gemeinsamen statt im Einsamen sucht, wird zwangsläufig nicht nur sein selbstbehauptendes ICH verlieren, sondern auch so manche Angst.

 

Angst und Glück machen zusammen einen Spaziergang.

Glück fragt Angst: “Was ist die größte Angst eines Menschen?” Angst antwortet: “Dass er sich selbst verlieren könnte, die Grenzen seines Ichs verschwinden und er im Unnennbaren aufgehen könnte.”

Dann fragt Angst vorsichtig zögernd: “Sag mal, was ist das höchste Glück für einen Menschen?” Glück antwortet: “Wenn ein Mensch sich selbst verliert, die Grenzen seines Ichs verschwinden und er im Unnennbaren aufgeht.”

Angst nickt nachdenklich – und lächelnd setzen sie ihren gemeinsamen Spaziergang fort.

Verfasser unbekannt

 

Ist dies nicht

eine wunderbare Geschichte, die uns Goethes Seufzer “… zwei Herzen schlagen, ach, in meiner Brust” zu erklären imstande ist? Oder uns die Forderung des Johannes näher bringt: “Ich muss weniger werden, der Andere aber muss wachsen”. Unser ICH hat immer Angst etwas oft so mühsam errungenes wieder preiszugeben. Der ANDERE aber, der Ursprüngliche, der wahre Mensch in uns sehnt sich nach der Freiheit des SELBST-losen Seins, nach der Auflösung aller Egozentrik, sehnt sich danach alles Empfangene wieder mit allen zu teilen und damit nicht zuletzt auch sich selbst zu bereichern.

Text & Photographie / Stefan Kälberer