Der Mensch ein Höhlenbewohner?

“Sieh nämlich Menschen wie in einer unterirdischen, höhlenartigen Wohnung, die einen gegen das Licht geöffneten Zugang längs der ganzen Höhle hat. In dieser seien sie von Kindheit an gefesselt […] so daß sie auf demselben Fleck bleiben und auch nur nach vorne hin sehen […]

Licht aber haben sie von einem Feuer, welches von oben und von ferne her hinter ihnen brennt. Zwischen dem Feuer und den Gefangenen geht obenher ein Weg, längs diesem sieh eine Mauer. […] Sieh nun längs dieser Mauer Menschen allerlei Geräte tragen, die über die Mauer herüberragen,

[…] meinst du wohl, daß dergleichen Menschen von sich selbst und voneinander je etwas anderes gesehen haben als die Schatten, welche das Feuer auf die ihnen gegenüberstehende Wand der Höhle wirft? ”

Platon, Das Höhlengleichnis (Quelle:  Projekt Gutenberg)

 

Der Mensch

ein Höhlenbewohner? Dieses Fazit werden die meisten von uns wohl kaum zu unterschreiben geneigt sein. Was hat der Mensch im Verlaufe seiner Entwicklung doch alles an Fortschritten realisiert, seit er Lagerfeuer, Bärenfell und Keule in seinen Höhlen zurückgelassen und sich zentralbeheizte Behausungen, funktionelle Bekleidung und raffinierteste Waffen geschaffen hat. Und doch soll hier die provokative Frage gestellt werden: Ist der Mensch vielleicht doch noch immer ein “Höhlenbewohner”? Ein Höhlenbewohner, selbstredend von der Ebene höherer Erkenntnis aus betrachtet!

Betrachtet man

das legendäre Höhlengleichnis Platons, stellt sich natürlich erst einmal die Frage, ob seine Jahrtausende alte Betrachtung heute überhaupt noch Relevanz besitzt. Bei genauerer Überlegung aber wird schnell klar, dass Platon hier die grundsätzlichsten Fragen menschlichen Lebens adressiert. Und die Fragen nach unserem Woher, Wohin und Warum sind heute noch so aktuell wie vor rund 2.500 Jahren. Wer die derzeitige Situation der Menschheit mit offenen Augen betrachtet, findet in Platons Situationsbeschreibung unbedingt ein erwägenswertes Gedankenmodell für eine auch heute noch aktuelle Lagebestimmung des irdischen Daseins.

Richten wir

unsere Aufmerksamkeit einfach einmal auf die Vorstellung, es gäbe nicht nur das rein mit den Sinnen Wahrnehmbare, sondern auch einen uns unsichtbaren Quell im Hintergrund, einen Ursprung, eine Matrix, ein Kernprinzip hinter allem Seienden. Dann wird schnell klar, dass es um das Wissen über derart Hintergründe des Lebens auch heute noch schlecht bestellt ist. Das Höhlengleichnis schafft also erst einmal die Basis, über den ureigenen Zustand nachzudenken und in Erwägung zu ziehen, dass wir bislang vielleicht nur ein sehr grobes, zweidimensionales Abbild einer in Wirklichkeit multidimensionalen und dadurch äusserst komplexen Realität besitzen. Kurzum, dass wir Gefahr laufen, die Schatten tatsächlich mit der Wirklichkeit zu verwechseln.

 

“Und wie, wenn ihr Kerker auch einen Widerhall hätte von drüben her, meinst du, wenn einer von den Vorübergehenden spräche, sie würden denken, etwas anderes rede als der eben vorübergehende Schatten? – Nein. […] Auf keine Weise also können diese irgend etwas anderes für das Wahre halten als die Schatten […]”

Platon, Das Höhlengleichnis (Quelle:  Projekt Gutenberg)

 

Seine Beschreibung

einer möglichen Selbsttäuschung der Menschen vertieft Platon, indem er darauf hinweist, dass nicht nur ein Sinn fehlgehen kann, dass nicht nur das menschliche Auge, sondern auch das Ohr einer Illusion zum Opfer fallen kann. So führt der Lehrer seine Schüler nach einer ersten Lagebestimmung zur Vertiefung einer zunächst noch rein äußerlichen Erkenntnis. Aber der wichtigste Schritt ist getan: Das Althergebrachte einfach einmal in Frage zu stellen und erste Schritte der Neuorientierung zu wagen.

 

“Nun betrachte auch, sprach ich, die Lösung und Heilung von ihren Banden und ihrem Unverstande […] Wenn einer entfesselt wäre und gezwungen würde, […] zu gehen und gegen das Licht zu sehn, und […] er […] immer Schmerzen hätte und wegen des flimmernden Glanzes nicht recht vermöchte, jene Dinge zu erkennen, wovon er vorher die Schatten sah […]

was […] würde er sagen, wenn ihm einer versicherte, damals habe er lauter Nichtiges gesehen, jetzt aber, dem Seienden näher […] sähe er richtiger. […] Meinst du nicht, er werde ganz verwirrt sein und glauben, was er damals gesehen, sei doch wirklicher als was ihm jetzt gezeigt werde?”

Platon, Das Höhlengleichnis (Quelle:  Projekt Gutenberg)

 

Die ersten Schritte

auf dem Weg zu einer umfassenderen Erkenntnis sind getan, aber jetzt schleicht sich der Zweifel – der uralte Feind aller wahren Erkenntnis – ein. Der Sucher auf dem Weg vom Dunkel ins Licht, auf dem schmalen Pfad zurück, ist erst einmal geblendet, sieht und erkennt weniger als je zuvor. Und sein Drang nach Sicherheit und Geborgenheit lässt ihn zurückschrecken. Er weiss ja nicht, dass seine Höhle gleichbedeutend ist mit Dunkelheit, Isolation, Kälte, ja Weltferne. All das ist er gewohnt, er hat sich damit arrangiert, seine Maßstäbe daran definiert. Dass er in Wirklichkeit fernab des wahren, pulsierenden Lebens existiert, ist für ihn zunächst kaum vorstellbar.

 

“Und wenn man ihn gar in das Licht selbst zu sehen nötigte, […] und wenn er nun an das Licht kommt und die Augen voll Strahlen hat, wird er nicht das Geringste sehen können von dem, was ihm nun für das Wahre gegeben wird. […] Gewöhnung also, meine ich, wird er nötig haben, um das Obere zu sehen”

Platon, Das Höhlengleichnis (Quelle:  Projekt Gutenberg)

 

Die nächsten Schritte

können daher nur vorsichtige Schritte der Gewöhnung an nichts weniger als einen Paradigmenwechsel sein. Denn auch wenn ein allmähliches für-möglich-halten einer anderen Realität im Entstehen begriffen ist, so ist der noch zarte Glaube daran bislang nur ein scheu erwägender, ein skeptisch zweifelnder. Angst, Sorge und Furcht vor Veränderung, vor dem Verlust von gewohnten Lebenssicherheiten machen es nahezu allen Menschen schwer, schnell mal einen tragfähigen Glauben zu entwickeln. Einen Glauben an Dinge, die ihre Augen noch nicht wahrnehmen können. Aber immer öfter wird der forschende, suchende Mensch Lichtblicke erleben, wird er ein kurzes Aufleuchten einer anderen, neuen Welt wahrnehmen. Vielleicht geleitet von einer inneren Stimme, vielleicht ermutigt durch das Lesen alter Weisheitsschriften, vielleicht geführt von der Hand eines Lehrers wird er sich immer weiter aus seiner Höhle hinauswagen.

Er erkennt

immer klarer, dass es zwei Welten, zwei Naturordnungen geben muss. Er erkennt die Wahrheit in Christi Worten: “Mein Reich ist nicht von dieser Welt!” Er erkennt immer klarer, dass es eine ewige Welt der göttlichen Ideen geben muss, die aus dem ewig Seienden, aus dem Wirklichen kommt und dass die Schattenbilder seines Höhlenlebens nur eine Projektion derselben sein können. So stellt er dann fest, dass alles Irdische in Wahrheit nur ein Gleichnis ist und dass seine wahre Heimat auf einer höheren Ebene liegt.

 

“Zuletzt aber […] wird er auch die Sonne selbst […] anzusehen und zu betrachten imstande sein. […] Und dann wird er schon herausbringen von ihr, daß sie es ist, die alle Zeiten und Jahre schafft und alles ordnet in dem sichtbaren Raume und auch von dem, was sie dort sahen, gewissermaßen die Ursache ist. […]

Und wie, wenn er nun seiner ersten Wohnung gedenkt und der dortigen Weisheit und der damaligen Mitgefangenen, meinst du nicht, er werde sich selbst glücklich preisen über die Veränderung, jene aber beklagen? – Ganz gewiß. – Und wenn sie dort unter sich Ehre, Lob und Belohnungen für den bestimmt hatten, der das Vorüberziehende am schärfsten sah und am besten behielt, was zuerst zu kommen pflegte […]

Glaubst du, es werde ihn danach noch groß verlangen […] ? Wenn ein solcher nun wieder hinunterstiege und sich auf denselben Schemel setzte: würden ihm die Augen nicht ganz voll Dunkelheit sein, da er so plötzlich von der Sonne herkommt? – Ganz gewiß. – Und wenn er wieder in der Begutachtung jener Schatten wetteifern sollte mit denen, die immer dort gefangen gewesen […] würde man ihn nicht auslachen und von ihm sagen, er sei mit verdorbenen Augen von oben zurückgekommen?”

Platon, Das Höhlengleichnis (Quelle:  Projekt Gutenberg)

 

Tiefe Dankbarkeit

über die ihm geschenkte Erkenntnis wird der Mensch empfinden, dessen Glaube immer fester, immer tragfähiger und schließlich zu tiefer, innerer Überzeugung wird. Er wird sich einer Gnade bewusst, nach der er sich unbewusst schon lange sehnte, der Gnade des Verstehens. Dadurch fühlt er sich zugleich immer mehr als ein Fremdling in dieser Welt, er fühlt sich unverstanden und kann sich an den für ihn sinnlos gewordenen Diskussionen über die Welt der Erscheinungen immer weniger beteiligen. Trägt er doch das schreiende Verlangen in sich, endlich die Welt der wahren Ursachen in voller Klarheit, wie im Licht einer neuen, strahlenden Sonne schauen zu dürfen. Der Widerschein des rußigen Höhlenfeuers ist ihm fremd geworden, es wird nun von ihm als matt und stumpf wahrgenommen.

 

” […] wenn du nun das Hinaufsteigen und die Beschauung der oberen Dinge setzt als den Aufschwung der Seele in die Region der Erkenntnis, so wird dir nicht entgehen, was mein Glaube ist, […] daß zuletzt […] die Idee des Guten erblickt wird, […] daß sie […] die Ursache alles Richtigen und Schönen ist […].

Komm denn, […] und wundere dich nicht, wenn diejenigen, die bis hierher gekommen sind, nicht Lust haben, menschliche Dinge zu betreiben, sondern ihre Seelen immer nach dem Aufenthalt oben trachten […]”

Platon, Das Höhlengleichnis (Quelle:  Projekt Gutenberg)

 

Und so entsteht

in einem sich völlig neu ausrichtenden Menschen das Sehnen, anderen zu helfen ebenfalls klarer zu sehen, sich ebenfalls aus der äonenalten Gefangenschaft in der Höhle zu befreien. Aber dies ist ein schwieriges Unterfangen. Denn seine Mitmenschen, die den Blick aus der Höhle hinaus ins gleißend helle Sonnenlicht noch nicht gewagt haben, fühlen sich sicher und geborgen im wohligen Schein des Feuers. Und das Studium der Schatten und deren Verhalten fasziniert sie nach wie vor. Ermöglicht es ihnen doch die eine oder andere, auf Beobachtung und Erfahrung basierende Vorhersage.

So wird der

im Licht einer neuen Sonne Stehende immer vorsichtiger mit seinen Äußerungen, die nur allzu oft missverstanden, belächelt oder gar verspottet werden. Behutsamkeit und Vorsicht werden so ein Teil seines Wesens und der zum Finder gewordene Sucher ersetzt seine Überzeugungsversuche allmählich durch ein tiefes, aber stilles Mitgefühl, durch eine aufrichtige, aber auf den ersten Blick oft nicht  erkennbare Liebe allen und allem gegenüber, das den Höhlenausgang noch nicht entdeckt hat.

Er spürt immer

deutlicher, dass das Gehen des schmalen Pfades zurück nicht nur ihm selbst, sondern allen nützt, die sich – wann auch immer – einmal umwenden werden und dann die Spuren der ihnen voran gegangenen Menschen klar und deutlich sehen. So wird der Heimweg immer breiter, immer leichter zu finden und vielleicht auch einfacher zu begehen, wenn nur erst einmal ein starker Wille zur Neuorientierung im Menschen erwacht.

Text & Photographie / Stefan Kälberer

 

“Es ist vielleicht die Bemerkung am Platze, dass es strenge genommen überhaupt nur einen Willen, den göttlichen Willen gibt, und dass der menschliche Wille nur ein Zerrbild desselben ist und solange als ein Trug- und Scheinbild in Leben, Form und Gestalt fortexistieren muss, bis er den Weg zu seinem Urquell zurückgefunden und sich wieder ganz eins mit demselben erkannt hat.”

Annie Besant

 

Streiflicht #06

 

Das Wunder der Schöpfung zeigt sich im Großen wie im Kleinen. Überall ist Leben, überall ist Geheimnis und Gleichnis. Und dann das Wunder des Lichtes. Als Licht der Lichter wird der Schöpfer aller Dinge in den alten Lehren bezeichnet. Und ist es nicht ebenso bezeichnend, dass auch in der Photographie das Licht den ganz großen Unterschied macht? Ist es matt, schwach oder fehlt es ganz, dann wird dem Betrachter wenig offenbar. Ist es dagegen kraftvoll und klar, dann werden auch die Sinne kraftvoll und klar angesprochen. Alles wird transparent. Und auch wenn wir vielleicht nicht alles in Worte fassen können, unsere Seele versteht die Botschaft der größten wie der kleinsten Dinge –  auch jenseits der Worte.

 

“Sinfonie und Lied

uns im All umschweben.

Was das Auge sieht,

kleinstes Ding auf Erd´

ist Verehrung wert,

pocht von göttlich Leben.”

Aus einem Tempellied der Rosenkreuzer

 

 

Mitteilungsbedürfnis

Was mache ich

hier eigentlich? Was ist es, das mich immer wieder an die Tastatur zwingt? Was ist es, das mich immer wieder antreibt, mein Innerstes nach außen zu kehren? Was ist es, das mich immer wieder zwingt, etwas, das ich oft selbst noch nicht vollständig verstehe, anderen erklären zu wollen? Drängt die Zeit? Ganz sicher! So wenige, die wach, klar und verstehend durch´s Leben gehen! Welche Kraft drängt da in mir? Hoffentlich kein falscher Schein. Hoffentlich die einzig richtige Kraft, hoffentlich die Kraft die die einzig aufrichtige ist.

Eben habe ich

eine Antwort auf meine Frage gefunden, eben habe ich lesend erkannt: Du bist nicht allein! Und sofort musste ich wieder an die Tastatur. Gefunden habe ich die Antwort in einem kleinen Buch, das zugleich ein großer Schatz ist: “Zeichen am Weg” sein Titel, Dag Hammarskjöld der Autor. Und so lautet seine Antwort:

 

“Lächerlich, dieses Mitteilungsbedürfnis! Warum bedeutet es so viel, daß wenigstens jemand das Innere deines Lebens sieht? Wofür schreibst du dies, gewiß durchaus für dich selbst – aber auch, vielleicht für andere?”

Dag Hammarskjöld

 

Aber auch, vielleicht

für andere! Genau so sehe auch ich es, genau so empfinde auch ich es. Wer selbst das Gefühl hat, nach scheinbar ewiger Suche endlich den Weg aus dem Labyrinth gefunden zu haben, möchte es anderen vermitteln. Aber die meisten stehen noch nicht auf Zehenspitzen, um den bestmöglichen Überblick zu erhalten. Allzu viele laufen tagein tagaus zwischen Betonmauern, aber das ist es, was sie gewohnt sind. Und wenn dann einer kommt und sagt, er habe einen Blick darüber hinaus getan, dann kommen sie mit ihrem Zweifel. Und dann wird das, was im Innersten eines Suchers – oder Finders? – als Wissen, als Wahrheit, als Gewissheit lebt, als bloßer Glaube abgetan, angezweifelt, verworfen. Man kennt die Mauern, man hat sich damit arrangiert. Aber ich gebe weiter meinem Mitteilungsbedürfnis nach, einer wird schon davon profitieren und wenn nur ich selbst es bin. Als Schlusswort (… nur für heute natürlich) noch einmal Dag:

 

“Wenn ich fortfahren darf: fester, einfacher – schweigsamer, wärmer.”

Dag Hammarskjöld

Bildgalerie: Der Denker #02

Die kleine Figur

Der Denker hat mich, wie bereits in anderen Beiträgen erwähnt, nach einer langen Phase der Inaktivität wieder zurück zur Fotografie gebracht. Und er motiviert mich noch immer! Die große Faszination war und ist für mich nach wie vor die Auseinandersetzung mit dem Thema Wasser (Bildgalerie: Der Denker #01). Symbolisiert das Wasser doch auf wunderbare Weise das Einfließen der Kräfte aus der göttlichen Welt herab in unsere irdische Welt.

In dieser Bildserie aus dem Alltäglichen nun, vermag ich mich sehr gut selbst zu erkennen. Da sehe ich mich in meiner inneren wie äußeren Auseinandersetzung mit unserer Welt der Chancen, der Verflechtungen, der Technisierung, der verschlossenen Türen aber auch der Straßen und Stufen, die uns unserem Lebensziel immer näher bringen. So ist diese wunderbare kleine Figur, betrachtend in die Welt gesetzt, eine wunderbare Visualisierung des inneren Weges, der immer auch das Außen braucht. Und diesen gehen wir, wie ich denke, alle – nur eben mehr oder weniger bewusst.

Text & Photographie / Stefan Kälberer