Streiflicht #09

“Nichts ist groß, was nicht auch still wäre”

Seneca

 

Erst die abendliche Stille auf dem Wasser macht dieses zu einem Spiegel, in dem sich der Himmel auf ganz neue Art und Weise zeigen und sich so auch mit der Erde verbinden kann. Wahrhaft groß ist nur, wer sich nicht selbst in den Vordergrund stellt, wer sich nicht mehr als Mittelpunkt empfindet, wer die klare Sicht auf das was ist, nicht mehr durch seine eigene Bewegtheit verfälscht.  Wie durch ein Auge blickt der Betrachter dann ins Innerste der Schöpfung. Ganz gleich ob es sich dabei um einen See oder um die Pupille eines lebenden Geschöpfes handelt. Nichts ist wahrhaft groß, was nicht die Stürme in seinem Innersten zum Schweigen gebracht und damit die Wogen geglättet hat.

Text & Photographie / Stefan Kälberer

Werdet Vorübergehende

„Alles oder Nichts: Die Einstellung des Menschen, der ins Reich eingehen will, zu den vergänglichen Dingen muss die eines gelassenen Wanderers sein, der sie zur Kenntnis nimmt, aber an ihnen vorübergeht wie einer, der den Blick und den Schritt auf ein großes Ziel gerichtet hält.“

Konrad Dietzfelbinger, Apokryphe Evangelien aus Nag Hammadi

 

Im apokryphen Evangelium

nach Thomas fordert Jesus im 42. Vers seine Jünger auf: „Werdet Vorübergehende“. Wer war, besser noch wer ist Thomas? Sieht man die Jünger Jesu nicht vordergründig als historische Persönlichkeiten, sondern als Prototypen eines Neuen Menschen mit unterschiedlichen Ausprägungen, dann steht Thomas für den  weit fortgeschrittenen Sucher, der bereits zum klaren, deutlichen Erkennen Jesu durchgedrungen ist. Thomas lebt bereits selbst aus dem göttlichen Quell, hat Anteil an der Erkenntnis Gottes und an der einen Wahrheit. Daher kann er für andere nicht nachzuvollziehende Konsequenzen ziehen, kann Abschied nehmen von allem, was ihn an die materielle Erde bindet.

 

Ein Vorübergehender

zu werden, bedeutet aufzubrechen, sich auf den Weg zu begeben, auf den Weg zur Erkenntnis Gottes, zur einen Wahrheit. Dies bedeutet Altes zurück zu lassen um Neues zu entdecken. Es bedeutet Ballast abzuwerfen, sich in Bewegung zu setzen und bewusst seine Richtung zu wählen. Es bedeutet nicht mehr und nicht weniger als den Pfad zum wahren Leben zu betreten. Denn der mittlerweile so abgedroschene Sinnspruch vom Weg, der das Ziel sei, ist irreführend, vielleicht sogar falsch. Nicht der Weg selbst ist das Ziel, sondern die Heimkehr, die Befreiung des wahren Menschen ist Sinn und Zweck des Weges, ist das leuchtende Ziel.

 

Und dies leuchtende Ziel

kann nur erreicht werden, wenn keine schweren Lasten mitgeschleppt werden. Dann ist es ein Leichtes, sich nicht nur in Bewegung zu setzen, sondern getrieben von der Sehnsucht nach der Heimat, nach Heilung, nach Harmonie, nach dauerhaften Werten auch dauerhaft in Bewegung zu bleiben. Sich auf einen langen Weg zu begeben war und ist schon immer Synonym für das Sammeln von Erfahrungen, für das Zurücklassen von überflüssig Gewordenem. Der Weg fordert völliges Vertrauen darauf, dass jeder Tag der Wanderschaft auch alles dafür Notwendige bringen wird. Denn wer wandert kann keine großen Vorräte tragen, geschweige denn solche anlegen.

 

Wer Vorübergehender

geworden ist, ist gezwungen konsequent im Jetzt zu leben. Es nützt ihm nichts, voller Wehmut an die Früchte von gestern zu denken, an denen er vielleicht achtlos vorüber ging. Und ebenso wenig nützt es ihm, auf eventuell morgen am Wegesrand wartende Früchte zu spekulieren. So sammelt ein Vorübergehender nur das absolut notwendige an Irdischem, dafür aber ein Maximum an Selbst- und Welterfahrung. Und so findet er seine Mitte, in der die Ewigkeit in die Zeit einbrechen kann. Er kann nun nicht mehr anhaften, denn dann würde er zum Stillstand kommen. Er kann, ja muss in großer Ruhe, in großem Vertrauen weiter schreiten, denn andernfalls würde er über kurz oder lang einer Erschöpfung zum Opfer fallen.

 

All diesen Anforderungen

des Pfades kann der Vorübergehende nur gerecht werden, wenn das innerliche Bild des Ziels, die Vision seiner wahren Heimat, immer klarer vor ihm leuchtet. Denn jede Reise braucht ein Ziel. Dies ergibt sich bereits aus der Notwendigkeit, schon dem ersten Schritt eine konkrete Richtung zu geben. Dies bedeutet natürlich nicht, dass es im Reiseverlauf keine Korrekturen geben wird und darf. Die Route wird vielleicht, innerer Intuition folgend, des öfteren spontan geändert. Oder unüberwindbare Hindernisse müssen umgangen, Ruhephasen eingehalten und passende Gelegenheiten abgewartet werden. So wird der Vorübergehende eines Tages ein Ankommender sein. Hat der Pilger seinen Fuß erst einmal ins Land des wahren Lebens gesetzt, weiß er, dass auch die längste Reise mit dem letzten Schritt endet: ein Gotteskind ist heimgekommen!

Text & Photographie / Stefan Kälberer

 

“Der Reisende ins Innere findet alles, was er sucht, in sich selbst. Das ist die höchste Form des Reisens.”

Laotse