Streiflicht #10

“Symbol bedeutet Mittler, Zeichen und zugleich auch Verbindung. Symbol und Symbolisierung setzt das Vorhandensein zweier Welten, zweier Seinsordnungen voraus. […] ein Symbol ist eine Brücke zwischen zwei Welten”

Nikolaj Berdiajew

 

Der Mensch

ist frei, zu tun was er will, zu gehen, wohin er möchte.  Aber wir alle müssen wissen, dass diese Freiheit unter Umständen eine Illusion ist. Hier, auf dieser Welt, lässt sich so manches unter den Teppich kehren, lässt sich an vielem achtlos vorüber gehen. Und so ist auch ein Graffito vielleicht nichts anderes als ein Symbol, ein modernes Symbol. Mauern zerfallen, Vorhänge werden gelüftet und eines Tages kommt all unser hastig versteckter Kehricht wieder ans Licht. So ist es ein wichtiger Schritt auf dem Wege der Selbsterkenntnis, wenn wir beginnen zu verstehen, dass es zwei Welten gibt. Eine Scheinwelt, in der wir bewusst leben, in der sich so manches erfolgreich verstecken lässt und eine absolute, erhabene Welt, an der wir in aller Regel noch nicht bewusst Anteil haben, in der aber alles wieder zum Vorschein kommt und seinen Verursacher mit unbestechlicher Gerechtigkeit einholt.

Text & Photographie / Stefan Kälberer

 

P.D. Ouspensky, kurz zitiert …

“Ich erinnere mich, […] 1916 zwei enorme Lastwagen auf der Litejnij gesehen zu haben, die bis zur Höhe des ersten Stockes der Häuser mit unbemalten, hölzernen Krücken beladen waren.

Diese Lastwagen berührten mich seltsam. In diesen Bergen von Krücken für Beine, die noch nicht verstümmelt waren, sah ich eine besonders zynische Verhöhnung aller Dinge, mit denen die Menschen sich betrügen”

P.D. Ouspensky, Auf der Suche nach dem Wunderbaren

 

Photographie / Stefan Kälberer

Indianische Weisheit, kurz zitiert …

Ein alter Indianer erzählte seinem Enkelsohn von einem Kampf, der in jedem Menschen tobt.

Er sagte: „Mein Junge, der Kampf wird von zwei Wölfen ausgefochten, die in jedem von uns wohnen.

Einer ist böse. Er ist der Zorn, der Neid, die Eifersucht, die Sorgen, der Schmerz, die Gier, die Arroganz, das Selbstmitleid, die Vorurteile, die Lügen und der eitle Stolz.

Der andere ist gut. Er ist der Friede, die Liebe, die Hoffnung, die Demut, die Güte, das Wohlwollen, die Zuneigung, die Großzügigkeit, das Mitgefühl und der Glaube.“

Der kleine Indianerjunge dachte einige Zeit über die Geschichte seines Großvaters nach und fragte dann: „Und welcher der beiden Wölfe gewinnt am Ende?“

Der alte Indianer antwortete: „Der, den du fütterst mein Junge.“

Verfasser unbekannt

 

Photographie / Stefan Kälberer

Christian Morgenstern, kurz zitiert …

“Wir Menschen sind wie Blätter eines Baumes,

die irgendwann in grauer Vorzeit Tagen

vom väterlichen Stamm sich selbst gerissen.

 

Und nun, Geschöpfe unsres eignen Traums,

hinwandeln wir in ungeheurem Wagen

den labyrinthnen Weg vom Wahn zum Wissen.”

Christian Morgenstern

 

Photographie / Stefan Kälberer

Vom Zweifel

 

“… präge dir ein, niemals ohne Erlaubnis zu sprechen, und wenn sie gegeben wird, versuche nicht gleich alles zu sagen, was du weißt, sondern sei sicher, daß du alles weißt, was du sagst. Der Irrtum auf der Erde ist gerade schlimm genug. Es ist viel besser zu schweigen, als ihm auch nur ein Jota hinzuzufügen.”

Robert James Lees, “Reise in die Unsterblichkeit”

 

Diese Worte

haben mich in schwere Zweifel gestürzt, denn sie haben mir klar gemacht, dass in meinem tiefsten Innern schon seit einiger Zeit genau diese Fragen bewegt werden. Weiß ich tatsächlich immer was ich sage und, schlimmer noch,  veröffentliche? Habe ich die Erlaubnis dazu, oder ist es nur mein aufgeblasenes Ego, das gerne mit Worten und Bildern spielt? Wichtige Fragen und ich kann es gleich hier, am Anfang, sagen: klare Antworten darauf habe ich bislang nicht gefunden.

Wer sich

auf einem inneren Weg befindet weiß, wie schwer, wenn nicht gar unmöglich es ist, seinen Standort sicher zu erfassen. Vielleicht mischt sich zudem Zweifel darunter, Zweifel über die eigene Fähigkeit, den inneren Weg tatsächlich gehen zu können. Vielleicht aber ist diese Art des Zweifels auch hilfreich, da vollkommen berechtigt. Denn wer glaubt, den Weg aus eigener Kraft, nur ausgestattet mit seinen persönlichen Vermögen, gehen zu können, könnte sich bereits auf Irrwegen befinden. Die Erkenntnis, nur mit Hilfe des Lichtes, mit Hilfe von Oben den Heimweg gehen und anderen davon erzählen zu können ist äußerst wichtig. Denn Jesus, der Christus, sagte klar und deutlich: „Ohne mich könnt ihr nichts tun“.

So bleibt

nicht viel mehr als all die Worte als Möglichkeit zu betrachten, anderen zu zeigen, dass es tatsächlich einen Weg heraus aus dem Nebel unseres eingeschränkten Wissens gibt. Und dass dieser Weg hinauf zum Licht auch aufgezeigt werden kann, ohne ihn bereits zu Ende gegangen zu sein. Und ebenfalls sehr wichtig: dass er bereits von Unzähligen vorher gefunden wurde, die ebenfalls darüber berichtet haben. Vielleicht daher meine Leidenschaft für Zitate. Vielleicht sollen, vielleicht können sie beweisen, dass es nicht um die Wichtigkeit und Bedeutung meiner Gedanken und Erkenntnisse geht, sondern um die Gemeinschaft auf dem Weg. All das was wir am Wegesrand eingesammelt haben, soll weitergeschenkt werden. Vielleicht reicht das als Berechtigung, weiterhin laut zu denke und darüber zu schreiben. Völlig sicher bin ich mir aber immer noch nicht…

Text & Photographie / Stefan Kälberer