Was sucht ein Sucher?

„Spiel Dein Spiel und wehr dich nicht,

Laß es still geschehen.

Laß vom Winde, der dich bricht,

Dich nach Hause wehen.“

Hermann Hesse, Welkes Blatt

 

Von welchem Spiel,

von welchem Wind und von was für einem Zuhause spricht Hermann Hesse hier? Im dritten Teil, in den letzten Versen seines Gedichtes „Welkes Blatt“ zieht der Dichter ein Hoffnung spendendes Fazit trotz der in den ersten beiden Absätzen geschilderten Vergänglichkeit unserer Welt. Dieser ewige Wandel ist ja allzu oft, wenn nicht immer mit Schmerzen, mit Abschied nehmen verbunden. Aber er spricht auch von einem Spiel und von einer Kraft die uns angreift, ja zerbricht und uns dennoch hilft. Und er spricht von einem damit verbundenen guten Ende: wir landen schlussendlich wieder da, wo unsere Reise, wo unser Alltag, unsere Suche nach dem Leben fast ausnahmslos beginnt: Zuhause!

Das Wort „Spiel“

bedeutete ursprünglich: tanzen, sich lebhaft bewegen. Heute wird es wohl häufiger als Alternative zur Ernsthaftigkeit des Lebens betrachtet. Man lenkt sich ab damit, man nutzt es als Zeitvertreib. Man freut sich an der Möglichkeit zu gewinnen und verdrängt allzu oft die Chance des Verlierens. Oder man trägt Elemente des Spiels hinüber in den ernsthaften Teil des Alltags. Man schauspielert sich durchs Leben oder man spielt gar ein falsches, vielleicht sogar ein abgekartetes Spiel. Das Leben als eine Bühne, die Realität aber ist anderswo! Nur wo?

Und dann kommt

da der Wind ins Spiel, zerbrechend, nicht zart umschmeichelnd. Geheimnisvoll in seinem Entstehen bringt er Dinge in Bewegung, bringt Veränderung, bläst uns häufiger als uns lieb ist ins Gesicht. Aber oft – oder vielleicht sogar immer? – bringt er frischen Wind ins Spiel. Er hilft uns wacher, klarer, bewusster zu werden. Selbst unsichtbar, sind seine Auswirkungen stets klar erkennbar. Und er kommt und geht wie er es will, nicht wie wir es wollen. Er gehorcht Gesetzen, Rhythmen, die wir nicht wirklich verstehen.

Und dann ist

da noch die Rede von einem Zuhause, von einem Ruhepol, von einem Ort der Geborgenheit und Sicherheit verspricht. Aber Hesse spricht ganz offensichtlich nicht von unserem gewohnten Zuhause. Da schwingt etwas mysteriöses mit, die vage Andeutung eines neuen, vielleicht vor Urzeiten verlorenen Zuhauses, vielleicht zu finden auf einer höheren Spirale unserer Lebensentwicklung? Das folgende Zitat unterstützt diesen Gedanken!

 

„Ich komme von anderswo, und auch wenn ich nicht weiß, wo das ist, werde ich am Ende sicher dorthin zurückkehren.“

Rumi

 

Die heiligen Schriften

der Inder sprechen von unserer Welt als „Maya“, als einer Täuschung. Und vielleicht ist diese Täuschung ein Spiel, das fälschlicherweise als das wahre Leben angesehen wird. Es ist ihrer (und meiner) Meinung nach die Bühne, auf der wir alle mehr oder weniger bewusst zu spielen haben, die aber letzten Endes mit dem wahren Leben so wenig zu tun hat wie die kindliche Strichzeichnung einer Katze mit dem schnurrenden Wesen auf unserem Schoß. Und die Inder sagen auch, die menschlichen Seelen würden kurz vor ihrer Inkarnation flehentlich bitten: „O, lass mich nicht vergessen woher ich komme“ und, kaum in diese, unsere Welt hineingeboren, würden sie tieftraurig klagen: „O, nun habe ich vergessen woher ich komme“.

Spiritualität bedeutet

letzten Endes nichts anderes, als einen tiefen Sinn, eine treibende Kraft hinter all dem geoffenbarten Leben um und in uns selbst zu suchen und auch zu finden. Denn, es ist nicht einfach nur ein Zitat aus der Heiligen Schrift, sondern ein kosmisches Gesetz: „Wer suchet, der findet“. Hier lässt sich erneut an Hesse´s Gedicht anknüpfen: Das „Spiel“ ist unsere zwar notwendige, aber mit Sicherheit nicht endlose Wanderung in Vergessenheit durch eine Welt, die nicht unsere wahre Heimat ist. Und der „Wind“ ist die treibende Kraft aus dem Göttlichen, die „sucht, was verloren ist“ und jeden nach Hause geleitet, der eine tiefe, aufrichtige Sehnsucht nach dieser wahren Heimat entwickelt hat. Denn das „Zuhause“ im Gedicht ist nichts anderes als „das Reich, nicht von dieser Welt“, von dem Jesus sprach.

Text & Photographie / Stefan Kälberer

 

„Was Du suchst, ist das, was Dich sucht.“

Franz von Assisi

 

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