Fremdlingsschaft

 

“Rundherum und in allen Richtungen fuhren kleine schwarze Käfer auf Rädern. Ab und zu stießen sie zusammen und es krachte und splitterte, und drinnen lagen blutende und sterbende Menschen.

“Warum geschieht das alles?”, fragte ich […]

“Warum?”, sagte er. “Das ist doch klar. Wenn zwei zur selben Zeit auf dieselbe Stelle wollen, dann zerschmettern sie sich. Das geht nicht anders.”

“Nicht?”, sagte ich. “Ich dachte, dass -”

“Dass was?”

Ich wollte es nicht sagen. Ich dachte daran, wie wir in der Seligkeit, wenn wir uns auf derselben Stelle begegnen, uns gegenseitig durchdrangen, einen Augenblick wir selbst und zugleich der andere waren, um dadurch bereichert weiterzugehen: wir wurden selbst zu dem, dem wir begegneten und lernten ihn dadurch kennen. Das war unsere Art, auf die wir etwas zu wissen bekamen. Hier starb man also davon. Ich meinte, es sei am besten, vom Leben in der Seligkeit zu schweigen.”

Johannes Anker Larsen, Olsens Torheit

 

Lange Zeit

wusste ich nicht, warum ich mich als Kind und auch später noch oft so fremd fühlte in dieser Welt. Ich wusste nicht, warum ich die so oft, so bestimmt, so laut vorgetragenen Argumente des so-ist-diese-Welt-eben nicht verstehen konnte. Vieles erschien mir völlig unlogisch, nicht nachvollziehbar; obwohl die ganze Welt kraft ihres So-Seins mich vom Gegenteil zu überzeugen versuchte. Ich fühlte mich ziemlich allein auf weiter Flur. So wurde ich zum Einzelgänger, suchte meine Antworten erst im Aussen, in der Naturbeobachtung, dann aber immer mehr in meinem Innern.

Und dann kam ich

im Austausch mit anderen Suchern, zum ersten mal mit einem so noch nie gehörten , noch nie gelesenen Wort in Berührung: dem Wort Urerinnerung. Es löste etwas unbeschreibliches in mir aus: das Gefühl, wieder an meinem kindlichen Unverständnis über das so-ist-diese-Welt-eben anknüpfen zu dürfen, ja anknüpfen zu müssen. Und ich spürte, dass die Zeit für Antworten gekommen ist. Und ich spürte auch, dass es völlig genügt, wenn Antworten in Form von Ahnungen, von tief empfundenen Ahnungen zu uns kommen. Und dann entdeckte ich die Romane des dänischen Philosophen und Schriftstellers Johannes Anker Larsen. Beim Lesen seiner Zeilen höre ich einen Bruder sprechen und beim Betrachten seines Fotos blicke ich in die Augen eines Bruders. Mehr Wärme habe ich selten in Augen wie in Worten gefunden. Danke …

Text & Photographie / Stefan Kälberer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.