Wenn Kohlen Diamanten werden

“Der Weg, du wirst ihm folgen.

Das Glück, du wirst es vergessen.

Der Kelch, du wirst ihn leeren.

Der Schmerz, du wirst ihn verbergen.

Die Antwort, du wirst sie lernen.

Das Ende, du wirst es ertragen.

Keinen Ausweg findend, machte die Hitze Kohlen zu Diamanten.”

Dag Hammarskjöld

 

 

Wenn Kohlen Diamanten werden

dann ist das ein tiefes Sinnbild für den suchenden Menschen. Es ist die bildhafte Darstellung, die großartige Vorstellung des Wunders einer jederzeit möglichen Transformation: Etwas banales, alltägliches, wenig geschätztes kann – ohne dass der Vorgang von uns Menschen beobachtet werden könnte – zum wertvollsten werden, was die Erde hervorzubringen in der Lage ist.  Eine schmutzige, bröckelige, rußende Substanz wird in einen edlen, reinen und beständigen Zustand überführt. Ein Wunder? Ein Wunder!

Als Sinnbild

alles Irdischen betrachtet, hält uns die Kohle so etwas wie einen Spiegel vor. Sie ist in ihrem natürlichen Zustand undurchschaubar, ohne großen inneren Halt, zerbröckelt schon bei geringem Druck und verbirgt ihr Wesen für Blicke von außen. Sie ist ein Überbleibsel längst vergangenen, längst erloschenen Lebens und zeigt die Signatur des Ergreifens und Festhaltens. Zwar bietet auch sie die Möglichkeit, das einst Empfangene wieder in Licht und Wärme zu verwandeln, zeigt also ein Resultat von Läuterung. Doch durch die über lange Zeitspannen hinweg eingelagerten Unreinheiten aber ist ihr Licht ein rußendes, ihre Wärme von kurzer Dauer. Zurück bleibt etwas Asche, die der Wind schnell verweht.

Ganz anders zeigt sich

der Diamant! Seit altersher begehrt und hoch geschätzt, steht er für das Reine, Erhabene und Selbstlose. Seine Klarheit bringt uns die Freude der Durchlässigkeit, des bedingungslosen Weiterschenkens zu Bewusstsein. Der Diamant zeigt uns sein Innerstes, sodass – falls noch vorhanden – selbst noch die kleinsten Unreinheiten klar und deutlich vor dem Auge des Betrachters stehen. Das Licht empfängt er, lässt es durch sich durch und schenkt es sofort weiter. Zudem hat er die Gabe, die Einheit, das strahlend weiße Licht, in seine sieben Aspekte zu zerlegen. So hilft er uns, das absolute, das erhabene Licht in seinen unterschiedlichen Wirksamkeiten zu erkennen, zu verstehen. Er ist außergewöhnlich  hart und dauerhaft, vielleicht gerade weil er alles Empfangene sofort wieder frei gibt.

Kohlen und Diamanten,

beide bestehen sie zu einem großen Teil aus Kohlenstoff! Aber welch ein Unterschied!! Was für eine tiefgründige Offenbarung. Über unvorstellbar lange Zeiten hinweg im Erdinneren eingeschlossen,  verborgen in tiefster Finsternis wird der Diamant empor gedrängt an die Oberfläche, hinaus in seine wahre Heimat, ins Licht. Steckt darin nicht die frohe Botschaft aller Zeiten: Der Weg aus Finsternis und Gefangenschaft zurück ins Licht und in die wahre Freiheit ist möglich!

Und verwandelt sich

nicht auch ein kleiner, schwarzer, im Staub der Materie kauernder Vogel in den alten Legenden in den mächtigen Feuervogel Phönix? Und steigt dieser mit seinen neuen, kraftvollen Schwingen nicht steil auf in den Himmel, ins Licht, in seine wahre Heimat? Folgen wir diesem Weg, leeren wir den Kelch und ertragen wir das Ende, das in Wahrheit ein erhabener Neubeginn ist.

Photographie / Stefan Kälberer

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