Initiation vs. Imitation

“Die Welt besitzt Vollkommenheiten, weil sie das Abbild der Göttlichen Welt ist.

Und die Welt besitzt Unvollkommenheiten, weil sie nur das Abbild der Göttlichen Welt ist.”

Blaise Pascal

 

 

Im Altertum

bedeutete Initiation die Zulassung zu den Mysterien, die Einführung in die Weisheit “nicht von dieser Welt”. Initiation stand und steht für die Chance des Aufstiegs in einen neuen, man könnte auch sagen zurück in einen vor Urzeiten verlorenen, persönlichen Seinszustand. Es ist gleichsam der Erhalt des Schlüssels zur Tür des wahren Lebens. Und dieser Schlüssel kann dem suchenden Menschen den Zugang zum Weg heraus aus der Unvollkommenheit, hin zur Vollkommenheit öffnen.

Diese unsere Welt

ist entstanden durch und aus der Selbstbehauptung und daher ist sie selbst wiederum selbstbehauptend. Sie wird üblicherweise für das einzig Reale gehalten, ist aber in Wirklichkeit nur eine Imitation der absoluten, der göttlichen Realität. Um ihr Scheinleben zu behaupten, müssen die Geschöpfe dieser unserer Welt so bleiben wie sie sind. Daher müssen sie die Imitation der Initiation vorziehen, die Finsternis mehr lieben als das erleuchtende, weil entlarvende Licht. So leben wir in einer Scheinwelt, die der wirklichen Welt nur ähnlich ist. Kurzum: wir leben in einem Plagiat und lieben es oftmals auch noch.

“… die spärlichen Worte des weisen Mannes, das Alleinsein mit dem Meister zu außerordentlicher Stunde, dies alles wurde von Knecht als eine Feier und ein Mysterium erlebt und aufbewahrt, als Feier der Initiation, als seine Aufnahme in einen Bund und Kult, in ein dienendes, aber ehrenvolles Verhältnis zum Unnennbaren, zum Weltgeheimnis.”

Hermann Hesse, Der Regenmacher

 

Diese Annäherung nun

an das Weltgeheimnis bedeutet den Übergang von der Imitation zur Initiation. Sie führt, wenn es gut ist, zum Original, also weg von der Fälschung. Diese Annäherung führt weg vom beschränkten Ich-Bewußtsein, hin zum All-Bewußtsein, ja, wenn es wirklich gut ist: von der ALLEIN-HEIT zur ALL-EINHEIT! Und so wird das Wenigerwerden der Ich-Persönlichkeit nicht mehr, wie in dieser Welt üblich, als Torheit, als Gipfel der Dummheit angesehen, sondern als Aufgang in das wahre Leben verstanden.

So zeugen unsere Gedanken

und noch viel mehr unsere Worte vom Orte unseres Daseins, von unserem Wissensstand. Klar zeigen sie, ob wir noch in der Finsternis der Imitation herum irren oder ob wir bereits den Ausgang und damit den Aufgang hinein ins Licht gefunden haben. Klar zeigen sie, ob wir nur irdisches Wissen, meist mit dem Kopf, angesammelt haben oder ob wir in unserem Herzen bereits göttliches Wissen vorfinden. Dieses lässt sich der Welt draußen nicht beweisen, aber es ist stark und unabweisbar für den, der es tief in sich verankert weiß.

“Das Denken erst, dann Wort und Tat,

Im Denken ruht des Schicksals Saat!

Wer leicht gesinnt die Worte kürt,

Wer leicht gesinnt das Werk vollführt,

Dem folgen Leiden, die er schuf,

Gleichwie das Rad des Zugtiers Huf!

 

Das Denken erst, dann Wort und Tat,

Im Denken ruht des Schicksals Saat!

Wer wohl gesinnt die Worte kürt,

Wer wohl gesinnt das Werk vollführt,

Dem folgen Glück und Freuden reich,

Wie einem treuen Schatten gleich!”

Gautama Buddha

 

Um das eigene Denken

und die eigenen Worte aber kontrollieren zu können, bedarf es eines Wissens, das nur durch Initiation, nicht durch irdische Information aus der Welt der Imitation, erlangt werden kann. Es bedarf des Wissens von der Existenz zweier Welten, von zwei Naturordnungen: Der Welt der Unvollkommenheit und der Welt der Vollkommenheit, der Welt der ALLEIN-HEIT und der Welt der ALL-EINHEIT. Wer die Zeichen der Natur zu lesen vermag, wird sich wie die Raupe eines Tages selbst am sattesten Grün dieser Welt satt gefressen haben und sich zurück ziehen, um sich der alten Form nach vollständig aufzulösen. Verschwunden für die Augen dieser Welt, übergibt sie sich voller Vertrauen einem mysteriösen Prozess der scheinbar völligen Selbstauflösung, um am Ende aber als geflügeltes Wesen in ein neues Lebensreich, “nicht von dieser Welt”, aufzusteigen.

 

Text & Photographie / Stefan Kälberer

 

 

2 Antworten auf „Initiation vs. Imitation“

  1. Toller Text! Das Pascal-Zitat kannte ich noch nicht.
    Ja, ich empfinde es auch so: Bevor man die Einheit hinter allem ergründen kann, gilt es, die Ebenen zu unterscheiden, das Abbild vom Vollkommenen, die Imitation vom Original … Wichtiger Gedanke!

    1. … ja, das Pascal-Zitat bringt es in zwei kurzen Sätzen auf den Punkt: Dies hier ist nicht unsere wahre, nur eine vorübergehende Heimat, wird aber nichtsdestotrotz vom Göttlichen getragen und durchströmt.

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