die Streiflichter

Die Streiflichter 2017-2018

Streiflicht #10

“Symbol bedeutet Mittler, Zeichen und zugleich auch Verbindung. Symbol und Symbolisierung setzt das Vorhandensein zweier Welten, zweier Seinsordnungen voraus. […] ein Symbol ist eine Brücke zwischen zwei Welten”

Nikolaj Berdiajew

 

Der Mensch

ist frei, zu tun was er will, zu gehen, wohin er möchte.  Aber wir alle müssen wissen, dass diese Freiheit unter Umständen eine Illusion ist. Hier, auf dieser Welt, lässt sich so manches unter den Teppich kehren, lässt sich an vielem achtlos vorüber gehen. Und so ist auch ein Graffito vielleicht nichts anderes als ein Symbol, ein modernes Symbol. Mauern zerfallen, Vorhänge werden gelüftet und eines Tages kommt all unser hastig versteckter Kehricht wieder ans Licht. So ist es ein wichtiger Schritt auf dem Wege der Selbsterkenntnis, wenn wir beginnen zu verstehen, dass es zwei Welten gibt. Eine Scheinwelt, in der wir bewusst leben, in der sich so manches erfolgreich verstecken lässt und eine absolute, erhabene Welt, an der wir in aller Regel noch nicht bewusst Anteil haben, in der aber alles wieder zum Vorschein kommt und seinen Verursacher mit unbestechlicher Gerechtigkeit einholt.

 

Streiflicht #09

“Nichts ist groß, was nicht auch still wäre”

Seneca

 

Erst die abendliche Stille auf dem Wasser macht dieses zu einem Spiegel, in dem sich der Himmel auf ganz neue Art und Weise zeigen kann. Wahrhaft groß ist nur, wer sich nicht selbst in den Vordergrund stellt, wer sich nicht mehr als Mittelpunkt empfindet, wer die klare Sicht auf das was ist, nicht mehr durch seine eigene Bewegtheit verfälscht.  Wie durch ein Auge blickt der Betrachter dann ins Innerste der Natur. Ganz gleich ob es sich dabei um einen winzigen See oder um die Pupille eines lebenden Geschöpfes handelt. Nichts ist wahrhaft groß, was nicht die Stürme in seinem Innersten zum Schweigen gebracht und damit die Wogen geglättet hat.

 

Streiflicht #08

“Ich habe Dir heute ein paar Blumen nicht gepflückt. Ich wollte Dir ihr Leben schenken.”

Christian Morgenstern

 

Radikales Umdenken ist schwer, sehr schwer! Aber wer einen klaren Richtungswechsel vollziehen möchte, kommt nicht daran vorbei: radikal umzudenken. Christian Morgenstern macht uns mit seinen prägnanten Worten klar, dass man alles von zwei Seiten betrachten kann und dass die gewohnte Sichtweise nur selten neue Perspektiven eröffnet. Mit unserem tief im Blut verankerten Trieb des Besitzen Wollens kann jede auch noch so gut gemeinte Handlung leicht zum Schaden für andere werden. Zwar kann das hinter jeder Erscheinung stehende Lebensprinzip nicht zerstört werden. Aber wissen wir immer sicher, dass die von uns aus dem Leben gerissene Schöpfung, das von uns aus dem Leben gerissene Geschöpf seinen Erfahrungsweg hinter sich hat, sich gerne für unseren Besitztrieb opfert?

 

Streiflicht #07

“… und hörten beide dem Wasser zu, welches für sie kein Wasser war, sondern die Stimme des Lebens, die Stimme des Seienden, des ewig Werdenden.”

Hermann Hesse, Siddhartha

 

Innige, tiefe Erlebnisse in Verbindung mit Wasser erlebte ich schon lange bevor ich mich mit Spiritualität zu befassen begann. Deutlich erinnere ich mich an eine Rast während einer Alpenwanderung. Auf einem Felsen, inmitten eines reißenden Gebirgsbaches sitzend, war ich für lange Zeit aus eben dieser wie heraus gerissen. Vielleicht war es das, was Anker Larsen in seinen Büchern als “Einbruch der Ewigkeit in die Zeit” bezeichnet. Wie auch immer, ich hatte damals, in jenem glücklichen Moment,  jedes Zeitgefühl verloren, mein Innerstes war völlig frei von Gedanken, Wünschen und Plänen. Vielleicht wurden sie, noch bevor ich sie selbst wahrnehmen konnte, sofort vom tosenden Wasser mitgerissen.  Und vielleicht war dies mein erstes, inniges Erleben einer allzu seltenen Art des SEINS, nach der wir uns alle sehnen. Einer Art des SEINS, die, so will es mir scheinen, unser Geburtsrecht ist und eines Tages bleibende Realität wird.

 

Streiflicht #06

Das Wunder der Schöpfung zeigt sich im Großen wie im Kleinen. Überall ist Leben, überall ist Geheimnis und Gleichnis. Und dann das Wunder des Lichtes. Als Licht der Lichter wird der Schöpfer aller Dinge in den alten Lehren bezeichnet. Und ist es nicht ebenso bezeichnend, dass auch in der Photographie das Licht den ganz großen Unterschied macht? Ist es matt, schwach oder fehlt es ganz, dann wird dem Betrachter wenig offenbar. Ist es dagegen kraftvoll und klar, dann werden auch die Sinne kraftvoll und klar angesprochen. Alles wird transparent. Und auch wenn wir vielleicht nicht alles in Worte fassen können, unsere Seele versteht die Botschaft der größten wie der kleinsten Dinge –  auch jenseits der Worte.

“Sinfonie und Lied

uns im All umschweben.

Was das Auge sieht,

kleinstes Ding auf Erd´

ist Verehrung wert,

pocht von göttlich Leben.”

Aus einem Tempellied der Rosenkreuzer

 

Streiflicht #05

“Wüßt ich genau, wie dies Blatt aus seinem Zweige kam,

schwieg ich auf ewige Zeit, denn ich wüßte genug.”

Hugo von Hoffmannsthal

 

Staunend vor den Wundern der Natur stehend, wird mir immer wieder bewusst, wie wenig ich letzten Endes wirklich verstehe, wie ich blinden Auges in der Illusion stehe, tatsächlich schon zu sehen. Walter Russell hat es einmal so ausgedrückt: “Die Menschen besitzen sehr viele Informationen, aber nur sehr wenig Wissen.”

Und tatsächlich: Wo befindet sich die Intelligenz, die das Blatt aus seinem Zweige treibt und ihm die einzig richtige Form gibt?  Und wie wirkt die Kraft, die das im Hintergrund glitzernde Wasser durch feinste Kanäle im genau richtigen Moment ins zarte Grün der neuen Lebensoffenbarung drängt? Ich weiß, dass es geschieht, denn das kann ich sehen, aber WIE und WARUM es geschieht, das kann ich (noch?) nicht sehen! Die Sehnsucht aber, es eines Tages klar und deutlich schauen zu dürfen, wächst von Tag zu Tag …

 

Streiflicht #04

Diese Skulptur des britischen Künstlers Carver Harvey steht im Regents Park in London. Als ich sie durch Zufall entdeckte, kam ich kaum mehr los davon. Vielleicht weil sie einen Traum versinnbildlicht, den ich längst vergessen hatte: Mensch und Tier Schulter an Schulter – wann wird es endlich möglich sein?

Bereits als Kind war ich traurig, dass uns die wildlebenden Tiere in aller Regel  fliehen und später, als Erwachsener, verzweifelte ich fast an der Art und Weise, wie auf unserem Planeten mit den sogenannten Nutztieren umgegangen wird. Allein den Worten “Vieh” oder “Nutztier” wohnt eine Kälte inne, die mich erschaudern macht. Vielleicht ist diese Skulptur geeignet, die Antwort zu geben, auf die mir häufig gestellte Frage: Warum bist du eigentlich Vegetarier?

“Ein Kind, das früh genug zum Naturfreund wird,

zweifelt von allem Anfang an nicht daran,

daß die Tiere tatsächlich seine Brüder sind.

Konrad Lorenz

 

Streiflicht #03

 

… man nehme eine Wasserschale für die Katze, lasse sie in einer windigen, kalten  Nacht auf der Terrasse stehen und staune über das unerklärliche Wunder. So geschehen vor ein paar Tagen. Mir unerklärlich wie diese eisige Zunge über Nacht entstand,  mir unerklärlich wie die Natur mittels ihrer Gesetze solch Rätsel zu schaffen vermag. Aber ich habe da so eine Ahnung, wie wir solche Wunder nutzen können, um uns dem Unfassbaren zu nähern.

 

„Ich hasse die Leute, die für nichts Bewunderung empfinden; ich habe Zeit meines Lebens immer alles bewundert. Das Wunder ist des Augenblicks Geschöpf.“

Johann Wolfgang von Goethe

 

Streiflicht #02

 

… nur so eine Ahnung, nur so ein Bild: Holz verwittert, Holz vergraut, Holz verliert seine Leuchtkraft, wenn es den Elementen ausgesetzt wird. Aber Holz überdauert – sich selbst schützend – lange Zeitspannen. Schleift man die alte, grau und stumpf gewordene Oberfläche ab, dann könnte man glatt meinen, das Licht sei darin nur gefangen gewesen, nicht aber erloschen. Der so lange verloren geglaubte Lichtglanz sorgt plötzlich wieder für ein klares Sehen und Erkennen dessen, was die ganze Zeit da war, aber eben nicht offen-sichtlich!

Könnte, was für Holz gilt, auch für unsere Seelen gelten? Nur so ein Gedanke …

 

Streiflicht #01

 

Erstarrung macht uns Angst, auch wenn sie noch so schön anzuschauen ist. Denn das Leben kann der Kälte nicht allzu lange trotzen. Daher sind die Gegensätze unserer Welt eben auch ein Segen, da alles über kurz oder lang wieder in sein Gegenteil verkehrt wird. Herzerwärmend, wenn das Licht, wenn die Strahlen der Sonne die Erstarrung immer wieder auflösen.

 

„Wie arm und ängstlich doch alles Lebendige sein bißchen warmes Blut durch das Eis der Welträume trägt.“

Hermann Hesse, Narziß und Goldmund